Pforzheim´s Finanzen: Amazon - Derivate

Der Faktor Zeit

Stadtgespräch
Pforzheimer Kurier - Mike Bartel

Vier Monate minus ein Tag. Das ist das Amazon-Maß. Vier Monate minus ein Tag. So lange hat es laut Bürgermeister Alexander Uhlig vom Erstkontakt bis zur Vertragsunterzeichnung gedauert. Der Faktor Zeit sei letztlich entscheidend gewesen. Und jetzt bekommt Pforzheim „sein“ Amazon-Logistikzentrum (das siebte in Deutschland), in dem zu Spitzenzeiten bis zu 3 000 Menschen arbeiten sollen.

Wie sich die Ansiedlung des weltweit führenden Internethändlers für die nicht gerade auf Rosen gebettete Kommune finanziell auswirken wird, ist nur zu erahnen. Wenngleich die Grunderwerbspreise für Versand- und Logistikbetriebe in der Regel niedriger sind als für andere Unternehmenssparten, dürfte der Verkauf des rund 17 Hektar großen Geländes im Gebiet Buchbusch eine wohl annähernd zweistellige Millionensumme in die Stadtkasse gespült haben. Hinzu kommen bald auch Gewerbesteuereinnahmen in unbekannter Höhe und Minderausgaben, weil mutmaßlich mehr Langzeitarbeitslose wieder einen Job bekommen.

 


Vielleicht stärken diese guten Aussichten ja auch das Durchhaltevermögen in Sachen J. P. Morgan. Jene, die derzeit noch mit einem Ja zur Fortsetzung des Rechtsstreits zögern, dürfen vor allem nicht vergessen, dass die Londoner Investmentbanker nicht den Hauch von Vergleichsbereitschaft signalisiert haben. Nach allem, was man bisher weiß, gehen die Banken bei Prozessen um die hochspekulativen Derivat-Geschäfte bis in die letzte Instanz. In dieser Zeit können sie noch locker mit dem Geld, das sie zuvor auf schwer durchschaubare Weise verdient haben, arbeiten. Erst kurz bevor es zu einem irreversiblen Richterspruch kommt, knicken sie ein, schließen einen Vergleich und entgehen so der drohenden Verurteilung. Zumindest hat so in etwa die Deutsche Bank in der Auseinandersetzung mit den Pforzheimer Stadtwerken agiert, bei der sich am Ende die Stadtwerke über den fast vollständigen Ausgleich ihres Derivate-Verlusts freuen durften.
Die rund drei Millionen Anwaltskosten für ein Verfahren bis in die letzte Instanz sollten bei der Frage, ob man den Rechtsstreit fortsetzt, also keine ausschlaggebende Rolle spielen. Dieses Geld muss die Stadt wahrscheinlich sowieso blechen, weil die Banker es bis zum Gehtnichtmehr drauf ankommen lassen werden. Nicht alles ist in vier Monaten minus einem Tag zu erledigen. Manchmal braucht es viel Geduld, bis man ans Ziel kommt. Vier, fünf, sechs Jahre – das dürfte das J.P.-Morgan-Maß sein. Mike Bartel

 

Mit freundlicher Genehmigung des Pforzheimer Kurier